Archiv für den Tag: 19. Juli 2012

Weltuntergang in der Sommerpause

Grundsätzlich genieße ich die diesjährige Sommerpause, auch, wenn vier Monate eine wirklich sehr lange Zeit sind. Viele Kleinigkeiten, gipfelnd in Preisanpassungen und Traditionsoverkill, ließen mich zum Schluß der letzten Saison das Ende ebendieser wirklich herbeisehnen.

Für das erste Sommerpausenhighlight sorgte die Relegation, wenigstens so lange das Spiel noch “lief”. Was danach passierte, wie undifferenziert etliche Medien den Weltuntergang ausriefen, war mehr als fragwürdig. Jeder rülpste seine Meinung, und sei sie noch so unfundiert, in die nächste Kamera. Herr Kerner beispielsweise zündete eine Schaufensterpuppe mit den Worten “das ist jetzt ein Kind” an. Da schmeißen Herthaner mit bengalischen Feuern, 1000 Düsseldorfer rennen zu früh auf den Platz, zugegebener Maßen alles nichts, was wirklich sein muss. Für den “Platzsturm” der Düsseldorfer, nach 15 Jahren in der Belanglosigkeit, wird aber wohl jeder Fußballfan Verständnis aufbringen. Gab es auch schon mal in München, ganz aktuell bei der letzten Meisterfeier und auf Schalke sowieso. Verletzt wurde in Düsseldorf jedenfalls niemand. Die Titelseiten diverser Tageszeitungen sollten am Tag danach eher das Bild eines Infernos nachzeichnen. Unwürdig!
Bezeichnender Weise kam kaum jemand der “Betroffenenen”, dem niederen Fuß(ball)volk zu Wort. Reden hörte man nur die “Experten”, deren größte Aufregung bei einem Fußballspiel im Anstellen an der Schlange vor dem Stand mit den Shrimps-Spießchen besteht. Bei bodenständigen Vereinen darf es natürlich auch mal die Currywurstbude sein, wo die Sauce mit Mango-Ananas verfeinert wird (ein bisschen folkloristischer Rock’n'Roll muss schließlich auch mal sein). Herr Kerner jedenfalls traut sich mit Kindern schon fast nicht mehr in ein Fußballstadion. Muss ein irres Gedränge am Buffet sein.

Mein zweites Highlight, Schadenfreude kann man nun mal nicht immer unterdrücken, war das “Finale Dahoam”. Ein Manuel Neuer, der bekanntlich in München Titel sammeln wollte, hält einen Elfmeter, darf sogar, weil seine Mitstreiter keinen Ars** in der Hose haben, noch selbst ran, verwandelt und gewinnt trotzdem nicht. Ganz ehrlich, Manuel: Keinen Titel, weil die Mitspieler kollektiv versagen? Das hättest Du auch auf Schalke haben können…

Dann kam die Europameisterschaft. Ich hab mich wirklich drauf gefreut, auch, oder gerade weil, ich aufgrund ihrer Zusammensetzung seit Jahren ein eher distanziertes Verhältnis zur deutschen Nationalmannschaft pflege. Ich habe einfach ein Problem damit einer Mannschaft die Daumen zu drücken, die zu fast 100% aus Spielern besteht, denen ich in den zwei Jahren vor einem solchen Event nicht “dat schwatte untere Fingernägel” gönne.
Ich versprach mir Fußball satt, ohne selbst zu viel “investieren” zu müssen. Aber auch diese Freude sollte sich schon mit den ersten Übertragungen aus Waldis EM-Club und vom Fußballstrand auf Usedom gewaltig trüben. Was für eine Anhäufung von “Schnackern”, um mal im norddeutschen Jargon zu bleiben. Informationen in rauhen Mengen, Oli Kahn hat sogar einen Twitter-Account bekommen. Nur mit Fußball hat das alles kaum noch was zu tun. Die wahrscheinlich fundierteste Aussage eines “Fußballexperten” während der WM (“Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wundgelegen hat, dass man ihn wenden muss.” Scholl über Gomez) sorgte für helle Aufregung, nur inhaltlich wurde sie leider überhaupt nicht gewürdigt.
Ein weiterer Aufreger waren die Spieler, denen ihr Aussehen wichtiger scheint als die Effizienz. Ob es das ständige Nachfrisieren war, anstatt dem verlorenen Ball einfach nachzugehen, oder Schuhe, deren Standfestigkeit nicht die beste war. Hauptsache schön bunt! Genau wie die zensierten Bilder, die uns die UEFA servierte. Fröhliche Fans, manchmal auch weinend, wenn auch aus anderen als den suggerierten Gründen. Friede, Freude, Eierkuchen. Keine Randale, keine Bengalos! Ganz Europa hat sich einfach mal nur lieb. Isset nich schön?

Außer am 12.06., dem zweiten Spieltag der Gruppe A. Polen spielt gegen die Russen und in der Warschauer Innenstadt schlagen sich hunderte von “sogenannten Fans” die Schädeldecken ein. Ups, ein Riss in der heilen Fußballwelt? Mitnichten. Es wird zwar thematisiert, aber ganz im Sinne des Völkerverständigungsfestes spricht beispielsweise Kathrin Müller-Hohenstein einfach mal von “unschönen Szenen”.
Unschöne Szenen, also! Wieviele Verletzte gab es noch mal bei dem “Massaker von Düsseldorf”? Manchmal frage ich mich, worin der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender liegt. Welches Bild will (oder soll?) man hier eigentlich vermitteln? Wenn in Warschau von “unschönen Szenen” gesprochen wird, während es in Düsseldorf “Ausschreitungen” gab, dürfte die logische Schlussfolgerung des eher beiläufig Fußballinteressierten sein, dass die Relegation um einiges schlimmer gewesen sein muss, als die vielen blutigen Nasen in Polen. Grausam muss es sein, “dieses Fußball”, von dem sie alle reden! Diesen Vandalen muss schnellstens Einhalt geboten werden.

Viel schlimmer kann es nicht kommen? Denkste!
Schließlich ist gerade Sommerpause, in der Politik auch “Sommerloch” genannt. Und mal ehrlich: Wer, wenn nicht unserer Innenminister, soll den Fussball überhaupt retten können?
Also wird den Profivereinen ein Kodex diktiert, der dann von > 98% der Vereinsverteter abgenickt wird.

“Wer für Fußball ist, ist gegen Gewalt”, so der reißerische Titel der, von der Presse nicht weniger reißerisch, “Gewaltgipfel” getauften Konferenz. Was auf dieser Konferenz geschehen ist, muss ich erstmal sacken lassen. Bin gespannt, ob drei Wochen Urlaub dafür ausreichen.

Posted from Bochum, Nordrhein-Westfalen, Germany.

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